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18.12.2014 in Meine digitale Welt
Unter Kontrolle

- Susanne Thon -

Es ist noch  gar nicht so lange her, da habe ich mich  köstlich über einen Kumpel amüsiert, der damit angefangen hat, seinen Alltag zu dokumentieren. Im Fachjargon: zu tracken. Er misst, was zu messen geht – gelaufene Schritte,  verbrauchte Kalorien, Schlafverhalten, Herzfrequenz und Blutdruck,  Raumluftqualität, tägliche Gewohnheiten,  selbst seinen Gemütszustand zeichnet er Tag für Tag auf. Der Selbstoptimierung wegen. Ein  Armband, das gekoppelt ist mit seinem Smartphone, und ein paar kleine Programme – kurz: Apps – helfen ihm dabei. Seit der Datenjunkie sein Leben aufzeichnet ist der Ansporn größer, mehr zu tun. Sagt er.

Die digitale Selbstvermessung, auch „Quantified Self“, ist eine Bewegung, die in den USA losgetreten wurde, und weltweit immer mehr Anhänger findet. Vor allem  der Markt der  „Wearables“, der computerähnlichen Geräte, die man am Körper trägt, boomt. 2013 belief sich der Umsatz in Europa auf drei Milliarden Euro, Prognosen zufolge soll er 2016 schon fast doppelt, 2018  drei Mal so hoch sein. Allein in Deutschland nutzen rund neun Millionen Menschen so genannte Fitnesstracker.
Ich inzwischen auch. Aus Recherchegründen habe ich mir die Samsung Gear Fit zugelegt, einen Tracker mit Zusatzfunktionen – auch was für sportlich Zurückhaltende wie mich.  Grundsätzlich seien die vergleichsweise günstigen Einstiegsgeräte vor allem für Laien geeignet – als Motivationshilfe, sagt Steffen Müller, Diplom-Sportwissenschaftler und Doktorand am Universitätsklinikum Halle. „Sportambitionierte können damit  eher weniger anfangen und setzen auf andere Systeme.“ Stichwort: Leistungsdiagnostik.
Nach ein paar Handgriffen ist mein neues Hightech-Armband startklar. Jetzt geht’s ans Einrichten. Geschlecht. Alter. Größe. Gewicht… Gewicht? Pfff. Geht keinen was an. Ich überlege, zu schummeln. Man gut, dass ich es mir verkniffen habe. Denn nicht korrekte Voreinstellungen würden  die Zielvorgaben verfälschen, erklärt Steffen Müller. Schließlich richte sich der Energieumsatz danach. Und je nachdem wie aktiv wir sind, erhöhe sich der Kalorienbedarf.

Die Kalorienzählerei geht mir  auf die Nerven. Drei Tage protokolliere ich pedantisch, was ich wann esse und trinke – angefangen vom hartgekochten Ei zum Frühstück, groß, 78 Kilokalorien, bis hin zum abendlichen Früchtetee, acht Kilokalorien pro Aufguss. Und da sich die meisten der im Programm hinterlegten Nährwerte auf 100 Gramm beziehen, heißt es: Döner wiegen vorm Essen. Lästig.  Spannender finde ich da die Sache mit den Schritten. Den Blick aufs Handgelenk gerichtet marschiere ich eine runde durch die Wohnung. 43. Treppe hoch. 58. Runter. 73. Hoch. 88. 10 000 Schritte sind bei meinem Modell (leider) voreingestellt, an einem normalen Arbeitstag kaum zu schaffen. Was mich wurmt. Wie die zwei Tage, an denen ich krank das Bett hüte. Ein statistisches Desaster! Ich erwische mich dabei, dass ich das Auto stehen lasse, wann immer es möglich ist und nicht den kürzesten Weg nehme.  Der Schritte wegen.  Wenn ich doch fahren muss, macht mir ein Parkplatz in zweiter Reihe  nichts mehr. Und beim Warten bleibe ich nicht stehen, sondern vertrete mir die Beine.
Oliver Stoll, Sportpsychologe an der Martin-Luther-Universität, wundert das nicht. Wearables beeinflussen ihre Träger – und zwar „ab dem Moment, in dem sie etwas als positiven Verstärker empfinden.“ Sei es das objektive Feedback, also der sofort  sichtbare Erfolg  oder aber die Anerkennung von Außen. Positive Verstärker setzen die Motivation hoch. Die Spirale dreht sich. Und ich mich auch. Gerade war ich joggen! Das Ding ist: Ich hasse laufen. Aber ich war joggen! Trainingsmodus an, ich kann aussuchen: Laufen, Gehen, Radfahren oder Wandern. Alle 90 Sekunden misst die Uhr den Puls. Und was soll ich sagen? Ich werde wieder laufen. Vielleicht etwas schneller und ein Stück weiter. Aber eine gute Stunde ist doch für den Anfang  so schlecht nicht. Schließlich stehe ich nicht im Training, da brauche ich keine Höchstleistungen anvisieren.

„Grundsätzlich gilt: Bewegung ist gut. Plötzliche Bewegung kann des Teufels sein“, sagt Ralph Grabitz, Kinderkardiologe  am Universitätsklinikum und  Sportmediziner. „Die verschiedenen Organe des Menschen passen sich unterschiedlich schnell an Belastungen an“, erklärt er. Das erfassen die „einfachen Geräte“ aber nicht. Im Gegenteil: Sie suggerieren Kontrolle, die nicht zu 100 Prozent gegeben ist. Wenn sie „meinen“, dass Herz und Kreislauf eine Leistungssteigerung vertragen, müssen das die Gelenke noch lange nicht.
Natürlich würden bestimmte Werte der Beweisführung dienen, sagt Steffen Müller, „dann, wenn der Arzt fragt, ob und wie viel sich der Patient bewegt“. Mehr als Anhaltspunkte seien die Daten aber nicht. „Eine Untersuchung können sie nicht ersetzen. Beim Langzeit-EKG etwa wird jeder  Herzschlag auseinandergenommen. Das kann man nur medizinisch machen.“
Was nicht heißt, dass Krankenkassen nicht auch zu den Selbstvermessern schielen. Der Versicherungskonzern Generali  will sogar einen verhaltensabhängigen  Tarif einführen. Kunden, die auf Fitness, und Ernährung achten und die Werte der Versicherung übermitteln, bekämen demnach Vergünstigungen.  Seit Bekanntwerden kritisieren Datenschützer das Vorhaben. Und auch gesetzliche Versicherer wie die DAK-Gesundheit stehen dem  skeptisch gegenüber. „Da stellen sich ganz viele ethische Fragen“, sagt Unternehmenssprecher Jörg Bodanowitz. Was, wenn sich jemand mit 25 für den  Tarif entscheide und zwei Jahre später so schwer erkranke, dass er die Voraussetzungen nicht mehr erfülle? „Nach unserem Selbstverständnis widerspricht ein solcher Tarif dem Versicherungsprinzip“. Und dem Solidarprinzip, das allen Versicherten die gleichen Leistungen zusichert. Positives Verhalten könne zwar positiv sanktioniert werden, aber „negatives zu bestrafen – das geht nicht“, so Bodanowitz.

Mit einer inzwischen vom Markt genommenen FitCheck-App konnten auch  DAK-Versicherte Punkte sammeln.  Zugriff auf die Daten hatte die Kasse laut Bodanowitz aber nicht. Selbst, wenn das der Fall gewesen wäre: „Wir hätten mit den Daten nicht arbeiten können, weil wir das nicht dürfen.“ Gesetzliche Krankenversicherungen unterliegen anders als Generali dem Sozialdatenschutz. Bodanowitz wagt   zu bezweifeln, dass sich Tarifmodelle wie das  diskutierte   eines Tages durchsetzen werden. „Ich glaube und hoffe es nicht.“
Na, da sind wir ja schon zu zweit. Zwar trage ich meinen Fitnesstracker  nach wie vor, weiß, was ich immer schon geahnt habe – ich bin Tiefschläfer – und kenne   meinen dreistelligen „Ruhepuls“, wenn ich im Stau stehend einen  Termin verpasse. Aber ehrlich? Ich lasse mir doch nicht von einer Vibration am Handgelenk vorschreiben, wann ich  Bauch, Beine und Po zu trainieren habe und wie viel ich essen darf! Bloß ob das alle so halten?

„Noch ist nicht absehbar, welche Konsequenzen die Entwicklung etwa für die Verhaltenssteuerung haben wird“, sagt Oliver Stoll. Natürlich stecke in dem Wahn, Schritt und Tritt festzuhalten auch Suchtpotential.  „Der Mensch hat von Natur aus ein Kontrollbedürfnis. Je mehr Kontrolle wir haben, desto besser geht es uns. Im Umkehrschluss erleben wir Kontrollverlust als Stress. Wenn man aber  ein Verhalten entwickelt, das immer extremer wird, dann kann das auch nach hinten losgehen. Zu viel Kontrolle ist nicht gut.“
Na bitte! Das kommt mir gelegen. Denn ein Selbstvermesser bin und werde ich auch ganz bestimmt nicht mehr. Mein Tracker bleibt das Körpergefühl. Alles andere ist Spielerei – mit einem gewissen Unterhaltungswert.
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16.12.2014 in Klasse 2.0
In der Schule

Hy bin in der Schule und musste mich grade bei mz-Blogs anmelden. : ) #schule

 
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